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Welches Mehl für welchen Teig — Deutsche und italienische Mehltypen erklärt

12 Min. Lesezeit

Type 405, 550, Tipo 00 — die Zahl auf der Mehlpackung entscheidet über den Teig. Aber was bedeutet sie wirklich?

Die häufigste Verwechslung: Deutsche Typenzahl und italienische Tipo-Klassifikation sind verschiedene Systeme. Eine hohe deutsche Typenzahl bedeutet mehr Mineralstoffe (dunkler, kräftiger). Tipo 00 sagt gar nichts über die Stärke des Glutennetzes — nur über die Feinheit des Mahlguts. Und dann gibt es noch den W-Wert: die Zahl, die wirklich über Backqualität entscheidet und auf kaum einer Supermarktpackung steht.

Dieser Artikel ist dein Referenzpunkt: Was bedeutet welches System, welches Mehl brauchst du für welches Projekt — und worauf schaust du wirklich, wenn du Mehl kaufst.


Das deutsche Typen-System

Die Typenzahl auf deutschem Mehl gibt den Mineralstoffgehalt an — gemessen in Milligramm pro 100 g Trockenmasse. Je höher die Zahl, desto mehr Schalenanteil, desto dunkler und kräftiger das Mehl.

Typ Mineralstoff (mg) Charakter Typische Verwendung
405 ~405 Fein, hell, wenig Kleber Kuchen, Kekse, Roux, Saucen
550 ~550 Allrounder, guter Kleber Pizza, Brötchen, Baguette, Focaccia
812 ~812 Kräftiger, mehr Schale Mischbrote, rustikale Brötchen
1050 ~1050 Dunkel, intensiv Vollkornnahe Brote, Mischbrote
1600 ~1600 Sehr dunkel, kräftig Roggenmischbrote
Vollkorn Ganzes Korn, maximale Ballaststoffe Vollkornbrote

Klare Aussage für Pizza-Bäcker: Type 550 ist das deutsche Pizza-Mehl. Nicht 405. Wer 405 nimmt, bekommt einen Teig mit schwächerem Glutennetz, der beim Ausziehen schneller reißt, weniger Ofentrieb hat und eine dichtere Krume ergibt. 550 hat mehr Protein (ca. 11–12%), bildet ein stabileres Glutennetz und ist in jedem Supermarkt erhältlich.


Das italienische Tipo-System

Tipo klassifiziert nach Siebfeinheit und Aschegehalt — ähnlich dem deutschen System, aber nicht deckungsgleich. Der entscheidende Unterschied: Tipo 00 bedeutet feinstgemahlen, sagt aber nichts über die Backstärke.

Tipo Entspricht ca. DE Charakter Verwendung
00 Zwischen 405–550 Sehr fein gemahlen, Kleber variiert je nach W-Wert Pizza, Pasta, Gebäck
0 ~550–650 Etwas gröber, guter Kleber Brot, Focaccia, Ciabatta
1 ~812 Teilausgemahlen, kräftiger Geschmack Rustikales Brot, Landbrot
2 ~1050 Fast Vollkorn Landbrot, Sauerteigbrot
Integrale Vollkorn Ganzes Korn Vollkornbrot

Das Missverständnis: Viele kaufen “Tipo 00” und denken, sie haben automatisch das beste Pizzamehl. Aber ein günstiges Tipo 00 aus dem Supermarkt hat oft einen W-Wert von 150–180 — kaum besser als Type 405. Ein Caputo Pizzeria hat W 260. Das ist der Unterschied, der zählt.


Der W-Wert — Die eigentlich wichtige Zahl

Der W-Wert misst den Dehnwiderstand eines Teigs — technisch gemessen im Alveographen, einem Gerät das einen kleinen Teigling aufbläst wie einen Ballon. Je mehr Energie nötig ist um ihn zu dehnen und zu zerreißen, desto höher der W-Wert.

Praktisch bedeutet das: Ein Mehl mit hohem W-Wert…

  • kann mehr Wasser aufnehmen (höhere Hydration möglich)
  • verträgt längere Garzeiten ohne abzubauen
  • bildet ein stabileres Glutennetz
  • braucht mehr Autolyse-Zeit um sich zu entspannen
W-Wert Klebercharakter Geeignet für Beispiel-Mehl
170–220 Schwach Focaccia, Grissini, kurze Führung (<6h) Caputo Classica
220–280 Mittel Neapolitanische Pizza (direkt, 6–24h) Caputo Pizzeria
280–320 Stark Lange Führung 24–72h, NY Style, Pinsa Caputo Nuvola Super, Saccorosso (= Cuoco)
320–400 Sehr stark Panettone, >72h Führung, Mischungen Caputo Manitoba Oro

Die Faustregel: Längere Gehzeit → höherer W-Wert nötig. Wer 48h Kaltgare plant und ein Mehl mit W 180 verwendet, bekommt nach der langen Gare einen Teig, dessen Glutennetz sich abgebaut hat — klebrig, strukturlos, nicht formbar. Details zu allen Caputo-Sorten im Caputo-Mehl-Guide.


Entscheidungsmatrix: Welches Mehl für welches Projekt?

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Backprojekt Empfehlung DE Empfehlung IT W-Wert Hydration
Neapolit. Pizza (24h) 550 stark Tipo 00, W 260 240–280 58–65 %
Pizza lunga (48–72h) 550 stark Tipo 00, W 300+ 280–320 62–68 %
Focaccia 550 Tipo 0 / 00, W 200 170–220 72–80 %
Teglia / Pinsa 550 + Reismehl Tipo 00/0 Mix 260–300 75–85 %
Baguette / Brötchen 550 Tipo 0, W 220 200–250 65–70 %
Ciabatta 550 stark Tipo 0, W 280 260–300 75–85 %
Sauerteigbrot 1050 oder Mix Tipo 1 / 2 250–300 68–75 %
Vollkornbrot Vollkorn + 550 Integrale + 0 70–80 %
Kuchen / Kekse 405 Tipo 00, W <200 150–180

Die 4 häufigsten Fehler bei der Mehlwahl

1. Type 405 für Pizza

Der am häufigsten gemachte Fehler. Type 405 hat zu wenig Protein für ein stabiles Glutennetz bei langen Garzeiten. Der Teig klebt mehr, reißt beim Ausziehen leichter und hat kaum Ofentrieb. Der Austausch gegen 550 kostet nichts und macht einen spürbaren Unterschied.

2. Tipo 00 blind kaufen

“Tipo 00” allein sagt nichts. Ein billiges Supermarkt-Tipo-00 hat oft W 150–170 — schlechter als ein gutes deutsches 550. Immer den W-Wert prüfen. Der steht auf der Rückseite der Packung oder auf der Herstellerwebsite. Unter W 240 für Pizza: lieber nicht.

3. Zu starkes Mehl für kurze Garzeiten

Manitoba (W 360+) für ein 6h-Express-Teig ist Verschwendung — und macht den Teig schwerer handhabbar. Das Mehl muss zur Garezeit passen. Längere Führung → höherer W-Wert. Kurze Führung → niedrigerer W-Wert.

4. Deutsches Vollkorn 1:1 gegen Tipo Integrale tauschen

Beide sind “Vollkorn” — aber die Mahlung, die Feinheit und die Zusammensetzung unterscheiden sich. Bei Substitutionen immer Hydration und Knetzeit anpassen.


Einkauf in Deutschland — Was wo kaufen?

Supermarkt: Type 550 (Diamant, Aurora, Edeka Eigenmarke) ist für Pizza eine solide Wahl. Type 405 nur für Kuchen. Tipo-00 aus dem Supermarkt: Vorsicht, W-Wert meist nicht angegeben.

Online: Caputo-Sorten (Pizzeria, Nuvola, Saccorosso) bei divico.de, mercato-italiano.de oder amazon.de. Preislich ca. 2–4 € / kg für 5-kg-Säcke.

Regionale Mühlen: Viele deutsche Mühlen haben starke 550er oder spezielle Pizzamehle. Lohnt sich — frisches Mehl, kürzere Transportwege. Einfach die lokale Mühle googlen.


Fazit in drei Regeln

Regel 1: Für Pizza mindestens Type 550, besser Tipo 00 mit W 250+.

Regel 2: Der W-Wert, nicht die Typenzahl, entscheidet über Gare-Tauglichkeit. Je länger die Gare, desto höher der W-Wert.

Regel 3: Tipo 00 ≠ Qualität. Immer W-Wert prüfen.


Weiterführendes